Wie hängen Heimat und Horizont, Ferne und Fremde, Selbstfindung und überraschende Begegnung zusammen? Damit diese großen Fragen nicht zu abstrakt werden, habe ich sie im Rahmen der vom Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) veranstaltete Reihe Cinescience in Essen am Beispiel dreier Urlaubsfilme verhandelt. Omamamia, Resturlaub und Schultze gets the blues sind ziemlich unterschiedlich, aber zur Frage nach Grenzen und Erfahrungsräumen geben sie einiges her.

Heimat und Fremdheit in Urlaubsfilmen: Christophe Fricker bei Cinescience. © KWI, Foto: S. Kurbanov

© KWI, Foto: S. Kurbanov

Wie komme ich dazu? Ich habe mich als Unternehmer in Sachsen mit „Fremden“ beschäftigt, als Deutschfranzose in England bin ich in Zeiten des Brexit mit der Frage nach Heimat konfrontiert, und schließlich war ich der erste, der über den Urlaubsfilm Man spricht deutsh von Gerhard Polt einen wissenschaftlichen Aufsatz geschrieben hat.

Mich interessiert, was die Protagonisten der drei Filme vom Leben an einem weit entfernten Zielort und von ihren eigenen Möglichkeiten dort erwarten, welche Werte dabei ins Spiel kommen, wie diese Erwartungen und Werte überprüft werden und wie das alles in Worte gefasst wird.

Wie geht man an diese Fragen heran? „Urlaub“ hat mit einer Verschiebung im Raum zu tun; es ist eine besondere, abgesonderte Zeit; und der Körper ist dabei in besonderer Weise im Spiel. Diese drei Faktoren gehören notwendig zusammen. Und für diesen Zusammenhang hat der Phänomenologe Bernhard Waldenfels uns den Blick geschärft. Er sagt: Die Moderne übersieht diesen Zusammenhang einfach. Sie definiert „Raum“ als Zwischenraum zwischen Dingen, als leeres Schema, das mathematisch vermessen wird, als anonyme Struktur, als Kategorie. Ein solcher „Raum“ ist aber eine Methode, eine konzeptionelle und instrumentelle Auseinandersetzung mit etwas, kein Sein, keine Gegebenheit.

Was ist Raum denn dann? Raum ist sozial bestimmter Topos, ist mehr oder weniger stark ausgeprägte Zugänglichkeit und Zugehörigkeit – eine Sphäre, in der etwas stattfindet (takes place). „In situ“, vor Ort, entfaltet sich eine Situation – und hier sind wir nicht nur Körper, deren Daten wir messen können, sondern Leib, der einen Ort sucht und Nähe und Ferne als Beziehung spürt oder wahrnimmt. Hier und Dort sind also situativ, okkasionell, emphatisch zu verstehen. Wo wir sind, sind wir einbezogen, werden wir beansprucht, sprechen wir Andere an.

Kein Platz also für das abstrakte Schwarzweiß von Eigenem und Fremden, das als Polemik taugt, aber nicht in der Wirklichkeit zu finden ist.

Was machen nun die drei Filme damit?

 

Omamamia (2012)

Heimat und Fremdheit in Omamamia mit Marianne SägebrechtMarguerita aus Bayern (Marianne Sägebrecht) lebt mit ihrer Tochter, deren Mann und zwei Kindern in Ontario. Ihr Mann ist gerade gestorben. Sie will nach Rom pilgern, um Papst Benedict zu treffen. In Rom lebt bereits ihre älteste Enkelin Martina (Miriam Stein) – allerdings nicht bei einer guten katholischen Familie, wie sie gleich entdeckt. Gleich nach ihrer Ankunft stürzt sich Marguerita ins Getümmel.

Der Film beginnt mit einer Gegenüberstellung: die tüchtige Deutsche, die das Leben ihrer Enkelin und ein versifftes bayerisches Restaurant auf Vordermann bringt und den italienischen Lover und den italienischen Faulenzer in die Schranken weist. Diese Dichotomie wird explizit als Gegenüberstellung von „Deutschem“ und „Italienischem“ benannt: das „bayerische Restaurant“; Marguerita schimpft, dass „Italiener“ mich von Anfang an nur gedemütigt und beleidigt haben; der Freund der Enkelin ist Rockmusiker, und in dem Moment, wo er fremdgeht, ist er ein „italienischer Mistkerl“; und dieser Mistkerl sagt auch noch, dass Leidenschaft das Einzige ist, was „in Italien“ funktioniert.

Aber die Dichotomie aus Deutschem und Italienischem wird in Frage gestellt. Unter anderem dadurch, dass die vermeintlich klare Identität der Protagonisten im Laufe des Films ins Wanken gerät. Sie handeln ihre Identitäten an einem bestimmten Ort aus. Marguerita sagt in Rom irgendwann: „Seit ich hier bin, fühle ich mich lebendig.“ Das „ich“ und das „hier“ sind nicht voneinander zu trennen. Lebensspendende Kraft ist keine abstrakte Eigenschaft von Rom. Viele andere Menschen in Rom fühlen sich nicht so lebendig wie Marguerita. Die spezifische Interaktion zwischen diesem Menschen und diesem Ort – und anderen Menschen vor Ort – führt zu einer Neubestimmung. Und zwar für den einzelnen Menschen. Die abstrakte Bereitstellung von Angeboten reicht nicht aus. Der oder die Einzelne muss sich darauf einlassen.

 

Resturlaub (2011)

Heimat und Fremdheit in Tommy Jauds ResturlaubPitschi Greulich aus dem idyllischen Bamberg (Maximilian Brückner) hat Lagerkoller – er hat einen geregelten Job, seinen Freunden ist selbst der Ausflug nach Nürnberg zu einem Junggesellenabschied zu weit, seine Freundin will Kinder, sein Kumpel ein Reihenhaus eine Viertelstunde außerhalb, und man reist nach Mallorca. Pitschi zieht die Reißleine, fliegt nicht nach Spanien, sondern bleibt vermeintlich zu Hause, setzt sich aber insgeheim nach Buenos Aires ab, ohne Rückflugticket, um frei und glücklich zu sein und „Argentinier“ zu werden.

Der Film spielt mit dem Sinn von Entfernungen: Nürnberg ist Pitschis Kumpels „zu weit“ für den Junggesellenabschied, und der verzweifelt daran. Ihr Radius sind die „15 Minuten“ Fahrzeit zum Haus im Grünen, und das empfindet er nicht als kleine Reise (wie die nach Nürnberg), sondern als Flucht vor der Möglichkeit, überhaupt rauszukommen. Er fragt am Flughafen also bewusst nach einem Reiseziel, das „zu weit“ entfernt ist. Die Zielwahl ist also durch ein Wegwollen, nicht durch ein Hinwollen bestimmt. Pitschi weiß absolut gar nichts über Buenos Aires, das er sich offenbar als eine Art Strandresort vorstellt. Er kann noch nicht einmal den Namen des Landes aussprechen.

Auch dieser Film prüft, wie Zugehörigkeit an einem neuen Ort zustande kommen kann, wie also Identität und Raum füreinander fruchtbar gemacht werden können. Pitschi ist gleich bei seiner Ankunft desillusioniert: Es regnet, die Großstadt ist unwirtlich, keiner nimmt Notiz von ihm, er sieht weder Strand noch Sehenswürdigkeiten, und sein gemietetes Zimmer ist eine Abstellkammer. Er unternimmt einiges, um sich zu integrieren. Doch innerhalb weniger Tage wird aus seinem Vorsatz, Argentinier zu werden, und seiner nassforschen Behauptung „Ich bin Tango“ die kleinlaute Aussage, er „komme nicht rein in die Gesellschaft“ und er „gehöre nicht hierher“.

Dem stehen zwei Figuren gegenüber, die es offenbar doch schaffen, an einem ihnen zunächst fremden Ort anzukommen: ein schwarzer katholischer Priester in Bamberg und Adelheid, aus Bamberg, die Pitschi im Bus in Buenos Aires sieht, dann noch einmal im Sprachkurs und dann in einer Kneipe. Beides sind groteske Figuren, die denken, dass sie ankommen, aber so verblendet sind, dass sie nicht merken, dass das nicht der Fall ist.

Resturlaub ist eine rührselige Komödie mit einer Kernaussage, die der Film in aller Ernsthaftigkeit präsentiert – „Heimat, Freunde, Du“. Er stellt Aushandlungsprozesse an einem Ort, der einem fremd vorkommt, als sinnlos dar. Nur wer selbst sehr eigenartig ist – die dicke Adelheid, der schwarze Priester – denkt, dass er anderswo heimisch werden kann, aber auch er kann es letztlich nicht. Wer dagegen durchtrainiert und weiß ist, sollte es erst gar nicht versuchen. Jene Orte und Menschen, die von der – heimatlich-fränkischen – Norm abweichen, sind in diesem Film der Katalysator, um den Wert der Norm zu bestätigen. Einen eigenen Wert spricht der Film ihnen nicht zu.

 

Schultze gets the blues (2003)

Heimat und Fremdheit in Schultze gets the blues Bergarbeiter Schultze (Horst Krause) und zwei Kollegen müssen in den Vorruhestand. Ihr Leben im sachsen-anhaltinischen Teutschenthal ist kameradschaftlich, aber still. Schultze spielt Akkordeon, am liebsten die Polka seines Vaters; nachdem er zufällig im Radio ein schnelles Akkordeonstück aus dem amerikanischen Süden gehört hat, gerät etwas in Bewegung. Er spielt es bei einem Vereinsjubiläum vor – und stößt auf wenig Gegenliebe. Aber er lässt sich zur Feier des Städtepartnerschaftsjubiläums nach New Braunfels in Texas schicken, von wo aus er nach Louisiana aufbricht, auf den Spuren jenes mysteriösen Musikstücks.

Drei sehr unterschiedliche Reaktionen auf das Stück führt der Film vor:

  • Schultze ist sofort fasziniert davon und spielt es nach, und dann spielt er es anderen vor – seine Antwort ist also eine „praktische“;
  • einige Vereinsmitglieder lehnen die Musik ab, und ihre Antwort ist eine kognitiv-analytische: Sie kategorisieren das Musikstück, und zwar als „Negermusik“. Diese Kategorisierung („als“) errichtet eine Barriere zwischen ihnen und dem Musikstück selbst, seinem Interpreten Schultze und auch der Möglichkeit, das Stück später noch einmal neu zu erfahren. Die Kategorisierung wird zum anti-empirischen Schutzwall;
  • Schultzes Freunde sind gespalten. Einige nehmen die Kategorisierung auf und wenden sie ins Positive, um ihm zuzuprosten; andere prosten erst, als der Toast „auf Schultze“ umgemünzt wird, wollen sich also nicht zu der Kategorisierung äußern (und tun es genau damit).

Kategorisierungen sind für Schultze und für den Film nebensächlich. Schultze geht es um die Musik und den Raum dieser Musik. Und dem Film geht es um Schultzes Auseinandersetzung mit dieser Musik und ihrem Raum.

 

Bewertung

Was bedeutet das alles für die Art und Weise, wie wir Urlaub machen, wie wir Urlaub darstellen und wie wir Darstellungen von Urlaub verstehen?

In allen drei Filmen suchen die Protagonisten in der Ferne etwas Vielversprechendes. Marguerita und Schultze etwas irgendwie Vertrautes, Pitschi das Fremde. Beide Erwartungen sind legitim. Denn es gibt keine Korrelation zwischen Nähe und Vertrautheit oder zwischen Ferne und Fremdheit.

Wenn uns etwas fremd vorkommt und wenn uns etwas vertraut ist, antworten wir und klären, was uns fremd vorkommt und was unser Eigenes ist. Marguerita entscheidet aufgrund der Erfahrungen in Rom, nicht nach Kanada zurückzukehren. Ihre Antwort führt dazu, dass sie sich selbst verändert. Pitschi versucht, die Aushandlung und deren Folgen möglichst zu begrenzen. Schultze hat vermutlich ein Rückflugticket, aber er bleibt bis an sein Lebensende in den USA – er stirbt unerwartet früh, während seiner kurzen Reise, im Rahmen derer er sich aber auf den Alltag vor Ort einlässt.

Fremdheit und Vertrautheit sind keine Eigenschaften, sondern Erfahrungen. Omamamia und Schultze gets the blues stellen das besser dar, indem sie Zugänglichkeit als grundsätzliche Möglichkeit präsentieren; Resturlaub macht letztlich Buenos Aires an sich und die Menschen dort an sich dafür verantwortlich, dass keine Vertrautheit zustande kommt – denn sie sind Argentinier und er ist Franke, wie er zum Schluss des Films nicht skeptischer, sondern noch selbstbewusster betont.

Fremdheit und Vertrautheit beruhen nicht auf Gegenseitigkeit. Die Fixierung aller drei Filme auf starke Protagonistinnen und Protagonisten macht es dem Zuschauer nicht ganz leicht zu erkennen, inwiefern es solche Ungleichgewichte auch in den dargestellten Prozessen gibt. Ein Schlüsselmoment bei Schultze ist die Szene, in der eine ältere Dame im amerikanischen Süden ihn offenbar auf der Tanzfläche stehen lässt. Er verzieht sich verschämt; der Zuschauer sieht dann, wie sie mit zwei Gläsern Bier zurückkehrt.

Schon wegen dieser Szene ist es ein guter Film; und es war spannend, die drei Filme in Essen und beim WDR zu diskutieren.

Ich freue mich auf eine Fortsetzung des Gesprächs!