Die deutsche Universitätslandschaft wird reformiert, aber angelsächsisch wird sie nicht.

Von Ann Marie Rasmussen (dt. Übers. v. Christophe Fricker)

Bei meiner morgendlichen Lektüre der Los Angeles Times wurde ich stutzig. In einem Beitrag wurde der französische Präsident Sarkozy mit den Worten zitiert: „Natürlich gab es Spannungen im Verhältnis mit den USA, natürlich wurde gekämpft. Aber selbst unsere angelsächsischen Freunde (our Anglo-Saxon friends) sind nun vollkommen davon überzeugt, daß wir neue Regeln für die Finanzmärkte brauchen.“ Angelsachsen? Englische Muttersprachler müssen eine solche Wortwahl komisch und beinahe surreal finden. Aber warum? Meint man im Englischen mit dem Wort „Anglo-Saxon“ nicht dasselbe, was die Deutschen mit „angelsächsisch“ meinen? Um es kurz zu machen: nein.

Angelsächsische HochschulenPräsident Sarkozy verwandte angelsächsisch so, wie es in Europa meist geschieht: als Begriff für britisch und amerikanisch. Diese Bedeutung ist offenbar eine Prägung des zwanzigsten Jahrhunderts. Goethe kennt sie nicht, auch in Grimms Wörterbuch fehlt sie. Duden und Wahrig erklären historisch: „Angelsachse: Vertreter der im 5./6. Jahrhundert nach England ausgewandeten westgermanischen Stämme der Angeln, Sachsen, und Jüten.” Der Duden ergänzt: „Person englischer Abstammung und Muttersprache, insbes. Engländer und englischstämmiger Amerikaner.”

Hochschulreform angelsächsisch?

Die Definition, die nun in Mode ist, rückte in den Debatten zur Hochschulreform in den Mittelpunkt des Interesses. Schon 1997 benutzte die damalige Bundesregierung den Begriff mit Bezug auf das britisch-amerikanische Hochschulsystem, das auch auf Kanada, Neuseeland und Australien ausstrahlt: „Der Bekanntheitsgrad und die Verwertbarkeit des deutschen Diploms sind, insbesondere in außereuropäischen Staaten, begrenzt. Das angelsächsische Graduierungsmodell (Bachelor, Master) ist dagegen am ‚Weltmarkt‘ allgemein akzeptiert. In weiten Teilen des Auslands gilt zudem die Bezeichnung ‚Diplom‘ als undifferenzierte Qualifikation auch im nicht akademischen Bereich.” (Aus einem Entwurf zur Änderung des Hochschulrahmengesetzes).

Meinen Sprecher des Deutschen also mit dem Begriff angelsächsisch einfach englischsprachige Länder weltweit? Ist es ein Euphemismus, mit dem das politische Minenfeld des Begriffspaars britisch-amerikanisch umgangen wird? Deutsche würden Präsident Sarkozys Bemerkung wohl kaum anstößig finden. Sie würden wohl auch die folgenden Passagen, ausgewählt aus einer großen Anzahl von aktuellen Beispielen, weder lustig noch rätselhaft finden: „Bald wird nur noch angelsächsisch kommuniziert” (warum nicht einfach „auf Englisch“?); oder „Französisch denken, angelsächsisch lenken, scheint das Motto von Edward Mitterrand zu sein” (wie lenkt man auf angelsächsisch?).

Was meint man nun auf Englisch mit dem Wort „Anglo-Saxon“? Englische Muttersprachler werden die erste Definition von Duden und Wahrig akzeptieren, auch wenn solches historische Wissen kaum Allgemeingut ist.

Angelsächsisch3

Anglo-Saxon oder angelsächsische Hochschulen?

Der Mißklang auf der sprachlichen Ebene hat aber einen anderen Grund. Für die meisten Amerikaner ist Anglo-Saxon ein Synonym (eigentlich eine Metonymie) für WASP, ein negativ konnotierter soziologischer und politischer Neologismus aus den 60er Jahren, der für White Anglo-Saxon Protestant steht. WASP sind Angehörige der oberen Mittelklasse und der oberen Zehntausend, die von den frühsten Siedlern abstammen und ihrem Selbstverständnis nach den wirtschaftlichen Wohlstand, das gesellschaftliche Ansehen und die politische Macht in den USA gleichsam aus naturgegebenem Recht kontrollieren. Nur diejenigen, die alle drei Eigenschaften (Ethnizität, kulturelles Erbe und Religion) vereinen, gehören zu dieser Gruppe. Juden, Katholiken,  Schwarze, mexikanisch-, asiatisch-, italienisch- und irischstämmige Amerikaner sind ebenso wenig WASPs wie die indianische Urbevölkerung – und auch nicht die deutschstämmigen Amerikaner.

Als Professorin an einer amerikanischen Universität bereitet mir der deutsche Ausdruck „angelsächsisches Hochschulsystem“ böseste Kopf- und Bauchschmerzen, selbst wenn ich weiß, was diejenigen, die ihn verwenden, „eigentlich“ sagen wollen. Denn wer das Bildungssystem, in dem ich arbeite, „angelsächsisch“ nennt, hat einen (sicher unwillkürlich) auf groteske Weise eingeschränkten Blickwinkel. Er übersieht, daß die schnöselige WASP-Identität dem amerikanischen Bildungswesen eben gerade nicht mehr zugrunde liegt. Im Gegenteil: Die größten Leistungen dieses Systems werden dadurch verdrängt, nämlich die Schaffung von Universitäten von Schwarzen und für Schwarze, die in den langen Jahrzehnten der Segregation größte politische, wirtschaftliche und kulturelle Hindernisse überwinden mußten; die Einrichtung von Universitäten im Westen, die von Beginn an, seitdem sie im 19. Jahrhundert geschaffen wurden, koedukativ waren; die Gründung privater, religiös geprägter Einrichtungen jedweder Glaubensrichtung; und die Tatsache, daß die neuen Einwanderergruppen, das multiethnische, multireligiöse Gepräge der USA einen Ort in der Hochschullandschaft finden konnte. Was auch immer man gegen das amerikanische Hochschulwesen sagen kann, es ist gewiß nicht weiß, nicht protestantisch, und nicht angelsächsisch. Seine Flexibilität und Vielfalt verlangt Anerkennung und regt zur Nachahmung an. Wenn deutsche Journalisten amerikanisch und britisch meinen, sollten sie es einfach sagen.

Denn Anglo-Saxon und angelsächsisch sind das, was Sprachlehrer falsche Freunde nennen, „zwei Wörter aus zwei verschiedenen Sprachen, die in Schreibweise und/oder Klang gleich oder sehr ähnlich sind, aber verschiedene Bedeutungen haben” (Pascoe, Sprachfallen im Englischen).

Obamas Falsche Freunde

Die Beamten, die den oben zitierten Entwurf eines neuen HRG verfaßten, waren sich durchaus bewußt, daß ein deutsches „Diplom“ nicht dasselbe ist wie ein englisches „Diploma“. Während das Deutsche ein Hochschulabschluß ist, handelt es sich beim Englischen einfach um eine Bescheinigung, die von einer Bildungs-, Ausbildungs- oder Erziehungseinrichtung ausgestellt wird, um zu bezeugen, daß jemand einen Kurs absolviert hat. In den Vereinigten Staaten erhalten Kinder manchmal ein „diploma“, wenn sie vom Kindergarten abgehen.

Angelsaechsisch4Es gibt eine Fülle von Fachliteratur und Einführungen für Laien in dieses Feld. Denn aus dem Vorigen wird klar, inwiefern Präsident Sarkozy wirklich einen Fauxpas begangen hat, indem er von seinen angelsächsischen Freunden sprach. Denn er sprach ja im Besonderen von seinem angelsächsischen Freund Präsident Barack Hussein Obama. Für einen Amerikaner ist es einfach unvorstellbar, wie der erste schwarze Präsident des Landes, der sich noch selbst als „einen Mischling“ („a mutt“) bezeichnet, dessen Wahl Schranken zwischen Rassen und Kulturen überwunden und das amerikanische Ideal der Gleichheit und der Gerechtigkeit für alle neu und radikal verwirklicht hat, als Angelsachse bezeichnet werden kann. Es ist geschmacklos, lachhaft, und daher unter Umständen. Die Redaktion der LA Times weiß das sicher. Vielleicht haben sie das Zitat gedruckt, um dem überambitionierten Präsidenten Sarkozy eins auszuwischen. Wie dem auch sei, wer von Präsident Obama spricht, darf ihn ruhig einen Amerikaner nennen.